Kunst an der Universität Bremen · Ausstellung „Garten der Lüste ”


Ausstellung „Garten der Lüste”

Standort: Foyer und Treppen des GW2
KünstlerInnen: Studierende des Studiengangs Kunstpädagogik/Visuelle Kommunikation
Datum: Mai 1978
Material: Dämmplatten beklebt, Pastellkreide und Pulverfarben, Dachlatten



Vom 23. bis zum 25. Mai des Jahres 1978 bot sich für die Besucher des GW2 an der Universität ein ungewöhnliches Schauspiel. Sowohl im Foyer als auch auf den Treppen des Gebäudes waren 25, teils lebensgroße, Figuren(gruppen) aufgestellt worden. Verantwortlich dafür waren Studierende des Studiengangs Kunstpädagogik/Visuelle Kommunikation in Kooperation mit den Lehrbeauftragen Frieder Schellhase und Matthias Duderstadt. Der Projektname ,,Der Garten der Lüste“ geht zurück auf das berühmte gleichnamige Triptychon (dreigliedriges Altarbild) von Hieronymus Bosch, dessen Entstehungszeit auf das Jahr 1500 geschätzt wird.

Der niederländische Maler ist heutzutage vor allem berühmt für seine Paradies- und Höllenbilder. In dieses Spektrum lässt sich auch der „Garten der Lüste“ einordnen. In zugeklapptem Zustand zeigt das Kunstwerk – nach biblischem Vorbild - die Erschaffung der Welt am dritten Tag. Aufgeklappt ist auf der linken Nebentafel der Garten Eden dargestellt. Das Bild zeigt den Maler Hieronymus Bosch, Künstler: Jacques Le Boucq, um 1550 - Bitte anklicken! Der Fokus liegt bei dieser Darstellung auf der Zusammenführung von Adam und Eva durch Gott in Gestalt Jesu. Auf der rechten Nebentafel wird – unverkennbar aufgrund der grauenvollen Kreaturen und gepeinigten Menschen – die Hölle dargestellt. Die große Mitteltafel des Triptychons stellt den „Garten der Lüste“ dar, der dem Gesamtkunstwerk auch seinen Namen gibt. Dieser zeigt ein nahezu harmonisches Miteinander zwischen Mensch und Tier in einer dicht bevölkerten, paradiesischen Umgebung. Selbst dämonisch anmutende Wesen, die dem Betrachter im Hintergrund der Mitteltafel auffallen, fügen sich fast schon friedlich in die Szenerie ein. Das Gros der dargestellten Figuren ist entweder nur spärlich oder überhaupt nicht bekleidet, weshalb die Darstellung einen sehr natürlichen Umgang mit Körperlichkeit vermittelt.

Um die Darstellung der großen Mitteltafel ranken sich seither viele, teils sehr ambivalente Interpretationsansätze. Ein bis heute unter Kunsthistorikern sehr prominenter Ansatz versteht die Darstellung des „Gartens der Lüste“ als eine Warnung vor der Todsünde Wollust. Dem entgegen steht ein Ansatz, der sich erst 1947 – zurückgehend auf den Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger – entwickelt hat. Fraenger verstand den „Garten der Lüste“ nicht als Warnung, sondern als Darstellung eines „utopischen Liebesparadieses“.

Im Zuge zweier zweisemestriger Seminare der beiden Lehrbeauftragten, die im Wintersemester 1977/78 und im Sommersemester 1978 stattfanden, wurde das konzeptionelle Grundgerüst der Ausstellung erarbeitet. Um dem alten Gemälde Boschs neues Leben einzuhauchen, wurden von den Studierenden 25 Einzelfiguren und Figurengruppen aus der Mitteltafel per Projektion „[…] herausgenommen, vergrößert (auf Lebensgröße), auf Platten gezogen, in Farbe gesetzt und aufstellbar gemacht". Die kalkulierte Anordnung der Figuren sollte dabei – so die Studierenden – die Räumlichkeit des Originalbildes einfangen. Die Ausstellungskonzeption ermöglichte es den Betrachtenden, das dargestellte Szenario auf zwei Arten zu rezipieren. So konnten sie entweder von außen auf die Gesamtheit der Ausstellung schauen oder sich beim Hindurchbewegen ganz individuell mit den Figuren beschäftigen.

Das Bild zeigt einen Teil der Ausstellung auf den Treppen des GW2. Gestaltung: Studierende der Universität Bremen 1978. - Bitte anklicken!

Im Fokus der Seminararbeit stand die Inszenierung von Gegenständen und Waren in Kunst und Alltag. Daraus folgte die Überlegung, ob die Universität nicht auch nur eine Art Kaufhaus sei, welches Waren in Form von Wissen anböte. Laut Duderstadt auch häufig „totes Wissen, das den vereinzelten ,Kunden‘ die letzten Reste sozialer Phantasie aus den Köpfen zu vertreiben droht.“ (Duderstadt in: Kunst und Unterricht, Band 51, 1978) Somit erzeugt die Aufstellung der Figuren aus dem „Garten der Lüste“ einen starken Kontrast zum etablierten Wissensbetrieb.

Wie ferner in eigens von den Studierenden publizierten Flugblättern dargestellt, lässt sich die Ausstellung als „Version einer vorindustriellen Gesellschaftsutopie“ in aktualisiertem Gewand verstehen. Das Herauslösen der Figuren aus ihrer ursprünglichen Umgebung bot die Möglichkeit, dem Figurenensemble Boschs auf neue Art und Weise zu begegnen. Außerdem könne die Darstellung auch als „sinnliche Provokation in der Sphäre erwarteter und geforderter Rationalität […]“ verstanden werden. Aus diesen Ausführungen kristallisieren sich auch die beiden hauptsächlichen Intentionen hinter der Ausstellung heraus, die von den Lehrbeauftragten selbst auch in einer Dokumentation ihres kreativen Schaffungsprozesses vermerkt sind. Zunächst ist eine ästhetische Intention herauszustellen, die ihren Ausdruck darin findet, durch den ,,Vorschub“ der Figuren in die Realität neue Zu- und Umgangsmöglichkeiten mit Boschs Kunstwerk zu schaffen und zwar besser, als es jede zweidimensionale Darstellung vermag. Die politische Intention wird von Matthias Duderstadt als „Programm der Rekonstruktion der Sinne“ bezeichnet. Diese gerieten im Universitätsalltag und vor allem in hoch politisierten und dogmatischen Hochschulgruppen nur allzu oft in Vergessenheit. Subjektive Wünsche und Empfindungen der Studierenden würden häufig fast vollständig unter politischer Agenda begraben.

Das Bild zeigt einen Teil der Ausstellung im Eingangsbereich des Gebäudes GW2 an der Universität Bremen Gestaltung: Studierende der Universität Bremen 1978 - Bitte anklicken!

So hielt an diesen Tagen des Jahres 1978 die Sinnlichkeit Einzug in die Universität Bremen. Aufschreie gegen die explizite Darstellung von Nacktheit blieben damals – wenig überraschend – aus, da nicht nur Universitätsmitglieder zu dieser Zeit recht unaufgeregt mit solcherlei Themen umgingen.

In der Retrospektive ist besonders die unterschiedliche Resonanz der Ausstellungsbesucher interessant. Das Bild zeigt eine Pressemitteilung der Universität zur Ausstellung. - Bitte anklicken! Wie von Schellhase und Duderstadt in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Kunst und Unterricht" (Nr. 51, 1978) berichtet, reichten die Reaktionen von: „Endlich ist hier mal was los!“ über „Au Backe!“ bis hin zu „Das ist ja wie ein Kindergeburtstag!“ oder „Hier will uns wohl wieder einer sensibilisieren.“ Viele sollen einfach nur auf den Treppen gesessen, die Figuren betrachtet, gestrickt, gelesen oder diskutiert haben. Eine Studentin fragte: „Warum bleibt das nicht immer stehen? Die Leute werden soviel offener und netter.“ Wirklich deutlich wurde die Ambivalenz der Reaktionen bei einer Stellungnahme des Kommunistischen Studentenbundes, der nicht nur die Ausstellung, sondern auch Boschs Originalbild scharf mit den Worten kritisierte: „Das Bild ,Garten der Lüste‘ vermittelt eine Auffassung von Kunst, die nicht dazu beiträgt, den Zusammenschluss der Studenten herzustellen. […] Es entspricht nur dem Interesse der Bourgeoisie, nicht zu produzieren und sich dabei nichts besseres vorzustellen als zu prassen und zu huren.“

Bis heute wird „Der Garten der Lüste“ von diversen Medienplattformen aufgegriffen und thematisiert. Diese reichen von Zeitungsartikeln, über Dokumentarfilme bis hin zu wissenschaftlichen Arbeiten und Theateraufführungen. Auch die Darbietung an der Universität zog nicht nur innerhalb Bremens, sondern auch überregional Aufmerksamkeit auf sich.


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